Warum man sich einen Friedhof ansieht

Am Samstag war ich weiterhin in meinem Trott aus Gemütlichkeit und Mal-Sehen gefangen. Einen wenn auch wettergrauen Start hatte ich im Ueno-Park.

Nicht ganz so gemütlich wollten es wohl ein paar Demonstranten (sie demonstierten uns Flaggen..) bzw. Protestanten (.. mit Forderungen darauf) angehen lassen. In vollkommen gemischtem Alter traten sie mit ebengenannten Flaggen, Brüll- und Mülltüten auf und verlangten, dass im Park nicht mehr geraucht wird. Ob das nun eine allgemeine Anti-Raucher-Kampagne ist, habe ich leider nicht verstanden, aber sie hoben demonstrativ die achtlos liegengelassenen Zigarettenstummel auf, über die ich mich auch immer kopfschüttelnd ärgere. Schön übrigens das Logo, das auch auf den Straßen oft zu finden ist (wie so ein Marzipanschild mit Aufdruck auf einer Torte). Eine glühend-rauchende Zigarette mit Schuhen (!) mit Schuhen (!!) läuft (!!!) mit Händen (!!!!) in den nicht vorhandenen Hosentaschen (!!!!!) durch die Gegend und beugt sich dabei leicht nach vorn. Wie so ein traurig-gelangweilter Dosenkicker auf der Straße.

Ja, in Japan sind Zigaretten so günstig wie selten irgendwo, und viele rauchen nur ein paar Züge (2-3) und werfen die Kippe dann weg. Wohl wegen der immer giftiger werdenden Stoffe, je näher man dem Filter kommt (ob Ammenmärchen, weiß ich nicht, aber ich kenn so eine "Legende". Aber auf den Straßen sind überall auf dem Boden und an den Wänden Schilder und Aufdrucke angebracht, die besagen, dass "hier" oder allgemein "while walking" nicht geraucht werden soll. Überall herrscht grundsätzlich Rauchverbot, bis auf ausgezeichnete Flächen. "Smoking Areas" haben dafür oft wunderbare Ausblicke und eine klasse Ausstattung, ob nun auf einer Aussichtsterrasse oder in einem Park oder im Zoo.

Mal wieder mussten Herrchen und Frauchen viele seltsame Bonsai-Hunde, von mir "Taschenratten" genannt, durch die Gegend tragen. Das sieht so albern aus, wenn rosa-rot-rüschen-gekleidete Hunde von Kerlen mit grünen Röhrenjeans und lila Lederjacke in der glitzernden Bling-bling-Handtasche der Freundin herumgeschleppt werden. Aber macht mal. So ein Hundi hat ja nun jeder. Es gibt tausende Läden und Cafés, die mit positivem "Doggy Style" aufwarten. Es gibt nun sogar Cafés, da bestellt man erst dem Vierbeiner etwas aus der Speisekarte und erst dann sich selbst einen Kaffee.

An dem Tag bin ich auch einigen Plüschbeinern begegnet. Allesamt Werbefiguren. Ein Frosch (für einen Manga-Store), eine Ente (neueste Lizenzartikel des Tieres erschienen), eine Katze (Pachinko-Spielhalle).

Aber auch echten Menschen begegnet man hier. Einem Bettelmönch aus einem nahegelegenen (schätze ich) Tempel habe ich gespendet. Nicht viel, 100 Yen, aber immerhin macht das mal jemand. Er stand schon eine Stunde vorher an der Stelle in gleicher Position, im Singgebet leise vor sich her sprechend, an einer Hauptkreuzung, und hunderte je Ampelphase gehen vorbei. Ich habe mir dann herausgenommen, ein Foto zu schießen. Das wird auch mein Foto des Tages sein.

Danach bin ich in Richtung Yanaka-Friedhof gegangen, mein heutiges Hauptziel. Auf dem Weg dorthin habe ich gerausgefunden, dass auch in Japan der Mini Cooper als Werbemittel für Red Bull verwendet wird. Im typischen Design und mit einer schräg aufgeschnallten Riesendose stand er auf einem Parkplatz. Ab und an sind heimelige, vertraute Bilder doch ganz gut. Das war der insgesamt zweite Mini, den ich nun überhaupt in Tokio gesehen habe. Seltsam, dass Red Bull dem Motto dennoch treu bleibt. Habe übrigens bisher bewusst Red Bull noch gar nicht im Verkauf gesehen... hmn..

Auf der Suche nach dem Friedhof (eine Ahnung habe ich ja, ausgeschrieben ist er nicht gewesen) komme ich am Nationalmusum für Naturkunde, Bereich Tiere, vorbei und sehe im Park daneben sich hunderte von Obdachlosen versammeln. Sie sitzen in markierten Bereichen fein säuberlich im Quadrat vor- und nebeneinander, oder stehen in einer Reihe ruhig an. Im Park und an der Straße drumherum lauter Rollwagen mit Habseligkeiten, Kartons und blauen Planen. Ein schmerzvoller Anblick für mich, denn es zeigt nun gerade bewusst, wie fortgeschritten die Obdachlosigkeit in Tokio mittlerweile ist. Sicherlich spielt die derzeitige Krise dort einiges mit Hinein. 5 Minuten später fuhr ein Wagen vor, der Tische und Kessel aufstellte und dann mit einer Obdachlosenspeisung begann. Ich hoffe, dass alle Bedürftigen, die vor Ort waren, auch etwas bekommen haben. Sooo groß war der Wagen nämlich nicht. Nebenbei sorgte ein Banjospieler im Park mit lustigen Country-Weisen und einer Mundharmonika für ein wenig Auflockerung.

Der Yanaka-Friedhof wird in Reiseführern als Tipp aufgeführt. Tatsächlich sind die Gräber dort beeindruckend. Es handelt sich wohl vorzugsweise um Familiengräber. Treppenstufen führen auf ein kleines Podest, auf welcher die Gräber oft recht groß angelegt sind. Darauf sind jeweils kleine Mauern, Säulen, Statuen, Altare, Bonsaibäume und Pflanzen. Manchmal auch ein Messingtor. Die Grabanlagen sind aus Stein, oft Marmor, und mit vielen Holzlatten mit Sprüchen darauf. Zu gewissen Anlässen scheint so ein Holzspruch hinzuzukommen, oft sind es wieder dieselben Zeichen, die aneinander gereiht neu aufgestellt werden. Besucher zünden am Grab der Familie Räucherstäbchen an und hinterlassen frische Sträuße. Es ist wirklich beeindruckend, wie diese Gräber angelegt sind, und wie viel Respekt, Erinnerung und Liebe aus ihnen sprechen.

Auf dem Rückweg sehe ich einen Kater, schwarzweiß, den ich locken kann und der sich mir zu Füßen wirft. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Straßenkater ist, aber er scheint auf dem Friedhof (Service-Gebäude, Blumen- und Dekoverkauf) einen Platz gefunden zu haben, von dem er nicht verjagt wird. Der Kater ist zahm, zuckersüß und plüschig-weich. Leider muss ich nach 5 Minuten weiter, wäre sonst nie weggekommen.

Auf dem Ameyoko-Markt (bereits einmal erwähnter früherer Schwarzmarkt unter der Bahnbrücke) sehe ich einen Händler, der ein ganz seltsames, irgendwie erstaunliches Teil verkauft: Ein Clown mit angeklebten Armen und Beinen, der auf Befehl Dinge tut. Sich drehen, Salti schlagen, sich hinlegen, hüpfen. Auch ich werde angehalten, einen Befehl zu geben, auf Englisch. Der Clown macht es. Vielleicht 10 cm hoch, das Ganze. Ein Bierdeckel mit Körperumriss quasi, zwei Arme mit Händen, zwei Beine mit globigen Schuhquadraten, und es macht Dinge auf Befehl, ohne Schnüre. Ein kleines Paket ist auf den Rücken geschnallt.

Bin dann weiter an die Endhaltestelle Asakusa gefahren und habe wieder ein bedrückendes Bild einer Obdachlosen eingefangen. Sie sitzt in einer kleinen Nische aus Pappkartons, hat ihr Hab und Gut hineingepackt, ist sehr alt und gebeugt, sieht total fertig aus, und putzt Schuhe. Ein Amerikaner kommt, hellbraune Cowboystiefel, und genießt offenbar die Macht, die er mit seinem Geld ausübt. Die Dame möchte nicht fotografiert werden, neigt sich weg, verdeckt das Gesicht, als jemand einen Apparat zückt. Sogar Schilder mit durchgestrichener Kamera hat sie an die Kartons geklebt, sicherlich von einem Stand in der Stadt bekommen. Daneben in englisch "PLEASE do not take pictures" hingekrakelt. Sie tut mir so leid. Aber ich konnte nicht umhin, von Weitem ein Foto zu machen, herangezoomt, auf dem man aber ihr Gesicht nicht erkennt. Japan, du bist ein armes Land geworden und kümmerst dich gar nicht um deine treuen Mitmenschen. Immerhin stehen sehr viele Kunden bei ihr an.

Dann ging es noch zur Kappabashi-Dori; die Straße wird auch "Kitchen Town" genannt. Sicherlich 1-2 Kilometer lang erstreckt sich auf beiden Straßenseite eine Ladenzeile aus Geschäften, die nur Küchenartikel verkaufen. Zahnstocher, Pfannen, Teigformen, Besteck, Stäbchen im zig-Pack, Möbel, Schilder, Kunststoff-Secondhand-Demo-Gerichte, Küchentücher... eben alles, was irgendwie auch nur mit Küche zu tun hat, sonst nichts. Allerdings habe ich dem Ganzen nicht so viel abgewinnen können. Für den Koffer zu schwer, also umgekehrt, aber immerhin mal gesehen. Ich frage mich, wie rentabel so etwas ist.

Auf dem Rückweg bin ich an einem Vergnügungspark mitten zwischen Wohnhäusern vorbeigekommen. Kompakt, aber mit Achterbahnen, Spukhaus, Freefalltower, Kettenkarussell usw. Ich bin aber nicht reingegangen, da die Admission-Fee 900 Yen beträgt und jedes Fahrgeschäft dann nochmal extra kostet. Zwischen 200 und 500 Yen umgerechnet in Tickets (je 100 Yen zu kaufen, kostet also im Extremfall 5 Tickets je Fahrt). Da es aber spät war und ich ins Bett wollte, lohnt sich das auch fürs Umschauen nicht. Also einfach mal über die Schranke gelugt und einen Prospekt mitgenommen, den es zum Glück endlich mal in Englisch gab. (Es gibt sooo wenig für Touristen.. seufz)

6.4.09 16:54

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Kaddy (7.4.09 09:07)
also ich muss echt mal sagen das du hammer postkartenreife fotos machst... meine schwester *der ich die seite natürlich gleich zeigte* hat erst mal gefragt ob du vom das beruflich machst freu mich schon auf weitere bilder...

genieß deine restlichen Tage
*winke*
kaddy


Flo (7.4.09 13:30)
Hey
Ich wollt nur kurz sagen, dass ich jetzt wieder zur Arbeit fahre. Heute ist Generaprobe und Premiere von einem kleinen, naja, Laien sind es nicht. Nennen wir sie einfach "Kinder", also Kinder-Stück. Weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber ich hab dann wieder Skype an, wenn ich zu Hause bin. Wünsche dir einen ruhigen Abend.
Freu mich auf Freitag Dein Flo


Rena@Kaddy (7.4.09 14:40)
Hallo Kaddy und Schwester,

danke für euer Lob, aber das sind echt einfach Schnappschüsse und ich freue mich immer, wenn ich eine gute Perspektive erwische. Das einzige, was ich manchmal mache, ist, ein Bild manchmal etwas aufzuhellen, wenn das Wetter und die Lichtverhältnisse nicht ganz mitspielen. Menschen zu fotofragieren ist für mich aber fast unmöglich (bis auf mich selbst). Dafür hab ich kein Händchen. Der gute Mönch war ja hinter vielen Klamotten verborgen. ^_^

Ich freu mich schon, dich bald wiederzusehen, Kaddy-Maus. Auch wenn du dann sicherlich schon wieder ein Jahr älter bist.

Bye bye
Rena

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