So schlechter Tag - das kann eigentlich kaum noch etwas toppen

Die Weissagung scheint einen Teil Wahrheit zu beinhalten und sich minimal auszuwirken. Mit mir ist soweit alles gut, aber meine Meinung über das Land hat sich doch nochmals ein wenig geändert.

Erst einmal kurz den eigentlichen Tagesablauf an sich. Wollte zum Tokyo Disney Resort. 380 Yen bezahlt, weil nicht Metro-Linie. Angekommen, Richtung Ticketschalter für die Eintrittskarte. Auf der letzten Brücke angekommen, hört man erst Lautsprecher: "Alle Ticketverkäufe aufgrund der aktuell hohen Besucherzahl gestoppt. Voraussichtlicher Verkaufsstart und Einlass weiterer Besucher ab ca. 17 Uhr. Bitte entschuldigen Sie und haben Sie Verständnis. Vielen Dank für Ihren Besuch." Hallo? Die spinnen doch. Nur Leute mit Tagestickets, die genau auf diesen Tag ausgestellt wurden, Jahreskartenbesitzer und Hotelgäste durften rein. Angeblich schon um die 70.000 Leute gegen 10:30 Uhr im Park gewesen. Ich also irgendwann nach einer Stunde Hoffnungswarten abgedackelt. Hatte vorher noch versucht, auf Englisch und Japanisch ein Ticket für Morgen zu ergattern. Nee, morgen auch ausverkauft. Nach besagter Stunde konnte mir das jemand mitteilen - weil keiner Englisch konnte und es offenbar im Park und bei den 100 Sicherheits- und Serviceleuten an den Eingängen keine Sau gibt, die Englisch sprechen kann. Sorry, aber das ist mir unverständlich. Das ist ein mehrsprachig geführter (Internet und Lautsprecheransagen vor Ort) Vergnügungspark einer Weltmarke (DISNEY, HALLO?).
die ganzen Japaner sind einfach wieder weggewackelt und haben noch fleißig im Souvenirshop eingekauft (obwohl sie nichtmal was vom Park gesehen haben!!).

Dann am Bahnticketschalter wieder mit einer guten Dame herumgeschlagen, von der ich ein Tagesticket günstig erstreiten wollte. 380 Yen hatte ich vergeblich gezahlt, um zur Disneybahnhaltestelle zu kommen. Ein Tagesticket für die überirdische Linie kostet 980 Yen. Ich wollte darauf bestehen, dass sie mir mein Ticket umtauscht, indem ich ihr 600 Yen gebe und damit auch gesamt 980 Yen geblecht habe. Leider reichte ihr Englisch nur für "1 Ticket oder zwei, und dieses hier kostet zwar noch mehr, aber man kann alle Bahnen in Tokyo fahren (1.580 Yen)". Doofnuss. An einem Serviceschalter an einem Bahnhof, geschaffen für den Disneypark, eine internationale Marke mit internationalen Besuchern, mit dem Hinweis "Information & Tickets" am Schalter, kann kein Englisch. Tolle Wurst, super, liebe Japaner. Mitgedacht.

Ich bin also nach nochmaligem Blechen ins Hotel zurück gefahren und wollte dann eigentlich einen Auszeittag nehmen. Ich kann eh nicht mehr richtig laufen seit den ganzen Tagesmärschen, habe einen Sonnenbrand auf der Nase (dank Disney - aber das ist nicht so schlimm) und wollte dann einfach später nochmal durch mein Viertel streifen und mir das mal ansehen.

Bin erst in den obersten Stock des Hotels gestiegen und von da aus aus dem Fenster ein paar Umgebungsbilder gemacht. Dann bin ich raus, hab mal wieder ein paar kleine Schreine entdeckt, wie es sie hier zu Hauf gibt. Die Leute stapeln ihre Autos hier an großen moderneren Wohnanlagen (sicherlich 200 Parteien in einem Haus) in einer Stapelgarage. Voll krass. 3-4 Autos übereinander per Knopfdruck. Aus den Laternen auf einer kleinen Einkaufsstraße (wies aus kleinen Städtchen bekannt ist) kommt einheitlich die ganze Straße entlang Musik. Da sind feste Lautsprecher integriert. Tz. Kanaldeckel haben eine Blüte als Verzierung auf der Oberseite. Und ich bin nur 15 Minuten vom Sumida River entfernt, meinem bisherigen Lieblingsbereich. Vielleicht 25 Minuten zum Lieblingspunkt. Bisher.

Da fing das mit dem Scheißtag nämlich erst richtig an. Ich bin unten am Wasser entlang gelaufen. Irgendwann kam ich an eine Kurve, an der auch vor und hinter mir jeweils ein blaues Zelt aufgebaut war. Also eine Obdachlosenunterkunft mit Plane und Kartons und allerlei gebaut. Eine Obdachlose saß draußen. Vielleicht 5-7 Meter weiter kauerte eine weiße Miez. Ich dachte, dass da was nicht stimmt. Eigentlich sind die recht aufmerksam, und wenn man näher kommt, oft schreckhaft. Als ich hin ging, hab ich gemerkt, dass sie am abkrepeln war.

Die arme Miez war dürr (ich hab sie gestreichelt) wie ich selten eine Katze erlebt oder im Fernsehen gesehen habe. Die Augen leicht verklebt, Schleim am Maul bzw. ein Faden aus dem Maul heraus hängend. Sie kauerte da hockend mit dem Kopf auf der Straße. Der Atem ging ganz seltsam und niemand tat etwas. Es gingen Leute vorbei, ich schüttelte den Kopf, wies auf die Katze. Interessierte niemanden. Ich hab versucht, der kleinen etwas zu trinken zu geben. Sie konnte nichtmal richtig das Maul aufmachen. Eine Pfote streckte sie von sich, als sie sich bewegte. Nicht gebrochen, aber entweder lahm oder schmerzend oder aber sie war einfach zu fertig, um die Pfote zu benutzen. Ich habe so geweint. Mir tat die kleine so leid. Und ich saß da weinend, beträufelte das Maul der kleinen mit Grüntee (mir war egal, ob sie das vertragen würde oder nicht) und wusste, dass Katzenfutter kaufen auch nichts mehr gebracht hätte. Also habe ich sie bestimmt eine halbe Stunde lang gestreichelt. Sie versuchte, sich hinzulegen, ich half ihr, sich zusammenzurollen, wie es Katzen gerne tun, wenn sie gestreichelt werden. Sie lag da und genoss sichtlich. Wer weiß, wie lange sie sowas nicht mehr gespürt hat. Schnurren konnte sie kaum noch in dem Zustand, das war mir aber auch egal. Ich hab einfach auf dem Boden gesessen und sie unter hunderten von Tränen gestreichelt.

Ich habe mich entschlossen, zu fragen, ob es jemanden gibt, der helfen kann. Bei uns gibt es Tierheime. Oder Tierärzte helfen vielleicht auch noch. Ich bin mit Tränen in den Augen losgezogen und habe so viele Leute angesprochen. Niemand konnte Englisch und angeblich gibt es auch keinen, der das kann von den Kollegen. Ich hatte ja gehofft, dass immerhin jemand etwas sagen kann, der Touristen in Rikshas durch die Gegend rollt oder Bootstouren organisiert. Niemand.

Dann bin ich zur Koban, der örtlichen "Polizei". Die sind auf eigentlich jede 1-3 Kilometer zu finden. Da konnte auch keiner Englisch, also habe ich es auf Japanisch probiert. Japanisch ! Ich habe gesagt, was ich konnte, nachgeschlagen, was fehlte, Laute einer Katze von mir gegeben und dann Wörter in Kanji und Hiragana aus dem Wörterbuch GEZEIGT, und am Ende haben sie genickt und dann den Kopf geschüttelt, und ihre eigenen Zeichen nicht erkannt, wahrscheinlich weil sie dachten, die Gaijin hätte was englisches gesagt (es wird offenbar gerne überhört, dass ein Ausländer tatsächlich japanisch genutzt und auch richtig ausgesprochen und betont hat, denn ein Ausländer kann einfach kein Japanisch können). Am Ende fragten Sie "You are lost? Where you want?". Ich bin heulend kopfschüttelnd raus und hab die Welt verflucht. Am Ende habe ich einen gefunden, der ein wenig verstand, nur nicht sprechen konnte. Es gibt wohl keine Organisation. Niemanden, der helfen kann oder will.

Alle, die es zuvor auch einigermaßen zu verstehen schienen, auch wenn sie sich unsicher waren, ob ich wirklich eine Katze am Sumida-River meine, die krank ist und Hilfe braucht (warum sollte sich jemand um ein krankes Tier kümmern, vor allem ein Ausländer, der ja noch weniger mit der Sache zu tun hat als sie selbst?), lachten nur und schüttelten den Kopf und entschuldigten sich, dass sie wohl doch nicht ganz verstanden hätten.

Ich habe mit schwerem Herzen registriert, dass ich wirklich nichts machen kann und sie ja auch nicht ins Hotel mitnehmen kann. Niemand wusste, wo es einen Tierarzt gibt. Ich glaube eh, dass sie nicht mehr zu retten gewesen ist. Also bin ich wieder heim und habe noch einmal über die Brüstung nach unten gesehen. Sie kauerte nun wieder da, so wie am Anfang. Ich hab kaum noch stehen können und mir überlegt, ob ich sie in den Sumida werfen soll. Spätestens dann hätten sich die Leute gekümmert. Aufgeregt über den verschmutzten Fluss. Und dass ein Gaijin eine Katze tötet. Die vorher niemanden gekümmert hat.

Sowas könnte ich niemals tun, das ist klar, aber es wäre schneller für das arme Ding vorbei. Glaubt mir, man merkt, wenn ein Tier einfach gar nicht mehr kann. Ich bin ins Hotel gegangen und wollte immer wieder zurück. Ich habe es gelassen. Dafür habe ich im Japanforum nachgefragt (es war gerade jemand (in Japan lebend) online. Er meinte "deine Tierliebe in allen Ehren, aber du wirst niemanden finden, der etwas macht. Es betrifft sie nicht, also warum sollten sie sich dafür interessieren? Es tut mir sehr leid für dich und die Miez, aber du musst sie vergessen. Es gibt keine Chance, auch wenn du es dir noch so sehr wünschst." Damit bestätigte er genau das, was ich mir am Ende eingestehen musste. Ich hatte einen Tag zuvor am Tempel Katzenstofftiere gekauft. Eine hat mich gestern sehr an die süße erinnert, und ich habe sie hier aufgestellt und immer wieder angesehen und gebetet, dass es bald vorbei ist, schmerzlos, schnell. Denn Heilung - unmöglich.

Um ca. 20:08 Uhr ist die Katze hier umgefallen. Einfach so. Ich denke, die kleine hat es (hoffentlich) hinter sich. Ich weine gerade beim Schreiben schon wieder. Ich hätte sie am liebsten mitgenommen und gepflegt, mit nach Deutschland. Aber so lange wäre das ja nichtmal gutgegangen, geschweigedenn ein Tier aus dem Land bringen...

Was bitte machen die Japaner den ganzen Tag? Immer erzählen sie davon, dass sie von morgens bis abends lernen, gerade Frauen sich auch daheim weiterbilden, insbesondere, wenn sie Mütter geworden sind. Lern-CDs und all sowas überall. Aber sie können einfach nichts ! Die Sprachen, die man in der Schule bekommt, sind entweder Englisch, Deutsch, Chinesisch oder Französisch. Sehr wenige Spanisch. Warum ist denn dann daa nichts von zu merken?

Und an Herzenswärme fehlt es auch. Dass das aus Tradition und Erziehung führt, ist mir klar und war mir klar, aber dass es nichtmal zu einem Tierheim oder Mitgefühl für andere Menschen und Lebewesen reicht, ist mir unbegreiflich. Ich bin der Meinung, dass von 10 Leuten in Deutschland 2-3 geholfen hätten, egal wie. Jemanden holen, der mit einem sprechen kann, die Katze zum Arzt oder Tierheim gebracht oder Tipps gegeben. Irgendwas.

Ich bin danach im Hotel geblieben und habe mich im Zimmer eingeschlossen. Ich wollte einfach nichts mehr machen oder sehen oder hören.

Nur Flo. Danke mein Schatz!
Rena


31.3.09 16:01

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Kaddy (2.4.09 09:12)
oh man *mal in arm nimmt und ganz fest drückt*
das ist voll schrecklich... ich sitz hier aufer arbeit und heule... die arme kleine... dabei sind doch katzen dort so beliebt, wie können die einfach ein krankes tier ignorieren -.-
naja hoffentlich wird der Rest deines Urlaubes wieder besser
*noch mal fest drückt*
Kaddy


Arbeits-Flo (4.4.09 14:58)
Hey mein Schatzi, ich schreibe dir von der Arbeit aus vom Handy. Vorstellung läuft gleich an. Wollte Dir nur noch mal einen dicken Kuss dalassn. Ich hoffe, du bekommst die Mails, die ich dir schreibe. Liebe dich. Bis bald! Dein Flo


heidi (4.4.09 19:06)
Hallo Rena,
ich hoffe, es geht dir wieder etwas besser. Mache mir schon Sorgen, da noch kein neuer Eintrag zu lesen ist nach deinem schrecklichen Tag.
Kopf hoch - du hast eine Menge versucht und in Hannover bzw. BRD tust du ja auch viel für Katzen!
Gruß
auch von Michael
heidi

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