Blick über Tokio - es ist laut

Ohayo gozaimasu ! (Guten Morgen)

Ortszeit 7:54 Uhr. Sie Sonne scheint heute schon viel früher über uns. Gestern früh war es im Taitou-ku noch grau um die Zeit. Das Fotohochladen gestern hat ewig gedauert, weil die Seite gesponnen hat. Nun aber sind bereits die von gestern mit dabei.

Nach einer viel zu kurzen Nacht in meiner Yukata (sehr bequem, so eine sollte ich mir auch holen) habe ich mich stadtfertig gemacht und danach mein Zimmer aufgeräumt. So läuft das leider in meiner kleinen bescheidenen Hütte - etwas anfassen, herumräumen, und dann wieder zusammenpacken. So viel Bewegungsfreiraum hat man nicht.

Nach einem "ausgiebigen" Bifi-Roll-Frühstück (noch aus Deutschland - ich war zu müde und faul, um zum Bäcker zu gehen - und zu hungrig) mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Tatsächlich dauert es nur etwa 7 Minuten bis zur Metro Hibiya Line. Was hier sehr praktisch ist: Auf jedem Gleis fährt nur eine Linie (man kann einfach nicht den falschen Zug nehmen, wenn man der Beschilderung zum Gleis folgt), nur eine Richtung (man kommt aufs Gleis und steigt halt links oder rechts ein, je nachdem), alle 2-3 Minuten kommt eine neue Bahn und seit ich hier bin, war sie nie zu spät. Auch innerhalb der ersten 20 Sekunden der angekündigten Minute. Erstaunlich.

Manche Gleise sind durch eine extra Schranke gesichert, die sich dann automatisch öffnet, wenn der Zug eingefahren ist und bevor sich die Waggontüren öffnen. Diese sind etwa 1,30 m hoch und idiotensicher. Wenn man das erste Mal davorsteht, denkt man jedoch, man wäre auf einem gesperrten Gleis - nur anhand der Wartenden versteht ein Gaijin (Kurzform für "Ausländer" ), dass da doch was kommt. Gelbe Haltelinien mit Riffelung (also auch spürbar und somit kaum zu ignorieren) gibt es überall und man hält sich auch tatsächlich strikt daran. Oftmals sind in den Türbereichen auch noch weiße Linien links und rechts eingezeichnet, sodass der Japaner weiß, wo er sich anzustellen hat, damit es beim Einsteigen schnell geht. Die Züge halten bis auf wenige Zentimeter (und damit meine ich 2-5 cm) stets genau zum markierten Türbereich.

Für bestimmte Stoßzeiten morgens gibt es Frauenwaggons. Diese sind sowohl auf dem Boden als auch an den Türen für alle Männer gut sichtbar mit Blüten verzierten pinken (rosa und pink sind nunmal weibliche Farben) Schildern gekennzeichnet. Zudem steht an den (wenn vorhanden) Schranken "Please keep out" mit einem sichtbar durchgestrichenen Mann.

Sowieso sind Absperrungen ein Thema. Entweder stellt man eine zigtrillionen Hütchen auf (rot, orange, grün, gelb) oder aber man stellt entsprechende Polizisten und Sicherheitsleute auf. Sicherheit - das Thema an sich. Es gibt ganz ausgefallene Berufe, die erklären, weshalb die Arbeitslosenrate recht gering und der Service in Japan so gut ist.

Da gibt es den "Fahrrad hier abstellen verboten-Aufpasser". Der trägt eine grüne oder blaue Weste / Jacke und steht in den mit verboten markierten Bereichen, in denen man das Rad nicht abstellen darf. Und in jedem abgeschlossenen markierten Bereich steht einer! Es ist nicht möglich, dass der Beauftragte mehrere Bereiche zentral überwacht, nein, wann immer ein 5-10 Meter langer Abschnitt wegen Fußgängerlaufbereichen abgeschlossen ist, wird in den neuen Abschnitt eine weitere Kraft eingesetzt.

Dann gibt es den "Zebrastreifen-und-Menschheit-Bewacher", der immer dann mit seinem orange-leuchtenden Warnstab auf die Straße hechtet, wenn jemand auf einen Zebrastreifen zusteuert und die Bordsteinkante berührt. Klar, derjenige könnte selbst schauen, ob was kommt, aber an einigen Straßen sind eben diese Uniformierten zu finden. Vor Kaufhauseinfahrten (Gefahr durch mit 10 km/h heraneilende LKWs), in der Nähe von Regierungsgebäuden ohne Ampeln.. Und im Anschluss immer ein "Domo" (Bitte), auf das keinerlei Reaktion erwartet wird, es aber zum Dienst am Bürger und Mitmenschen dazugehört.

Dann haben wir da die "Fahrstuhl-Beauftrage", die vor dem Fahrstuhl zu Aussichtsplattformen steht (hinter einer Gurt-Durchleitung wie an Kinokassen, Fahrattraktionen oder bei Subway und einer Taschenkontrollstation), wartet, bis der Fahrstuhl da ist, dieses ankündigt, wenn die Tür geöffnet hat, die Leute hereinwinkt, dabei zählt, und wenn niemand mehr hineingestopft werden kann (das merkt man doch als gesunder Deutscher auch selbst), "halt" sagt und anzeigt und dann wieder still steht, bis der zweite Fahrstuhl eintrifft.

Dann gibt es noch die "Restaurant-Schreier", "Taschentuchwerbung-Verteiler", "Rotlicht-Lock-Lächler".. Und Krankenwagen haben Sirenen, Blaulicht UND eine Bandansage, die wohl sagen will, dass es sich um einen Notfall handelt, man bitte Platz machen möchte und sich wahrscheinlich auch noch entschuldigt und bedankt.

Bei einem ausgiebigen Spaziergang durch die Einkaufsmeilen und Häuserzeilen tauchen immer wieder recht plötzlich kleine Oasen ser Stille auf: Schreine, in denen jeweils ein Gott verehrt wird. In Japan gibt es ja Götter für alles und jeden. Einen Gott für Wasser, einen für Steine, einen für Gesundheit (naja, wahrscheinlich einen für jede Überart von Krankheiten wie Rheuma, Asthma..), für eine gute Geburt oder Schwangerschaft, für gute Noten, für gute Fahrt im neuen Auto..

Diese darf man alle betreten. Schrein bedeutet in diesem Fall das Gelände. Gebäude selbst sind oftmals zum Zutritt gesperrt. Da fotografieren meistens erlaubt sind, nutze ich die Gelegenheit natürlich. Der erste zufällig entdeckte Schrein steht sogar auf meiner To-Do-Liste: Der Hanazono-Jinja (Jinja sagt man zu shintoistischen Anlagen = Schreinen). Es handelt sich um einen der Inari-Schreine. Hier bittet man um Erfolg im Beruf.
Inari ist die Göttin der Fruchtbarkeit, des Reis (damit auch Geld und Erfolg) und der Füchse (Inari). Solche Schreine werden meist von "Fuchswächter"-Statuen beschützt.

Einige Meter weiter befindet sich das Rotlichtviertel Kabuki-Chou mit nett lächelnden aber sonst sehr zurückhaltenden Herren, die den Bürger (meist Männer) zu den "Bediensteten" (meist Frauen) führen sollen. Ausschlaggebende Poster sind manchmal an den Eingängen zu finden. Eine beeindruckende Burg kündigt das Viertel an. Direkt daneben ist ein kleiner Schrein (vermute ich), der aber nicht in der Karte eingezeichnet ist. Könnte auch ein altes schmickvolles Wohnhäuschen mit religiösen Stileinflüssen sein.

Wenn man seinen Hunger nach Essbarem stillen möchte, hat man dazu alle 20 Meter die Möglichkeit. Kleine Restaurant für vielleicht 20 Gäste (selten mehr, oft weniger) reihen sich in der Stadt beinahe nebeneinander. Oft kann man das Gericht bereits draußen bewundern, schön hergerichtet aus Kunststoff. Größe und Menge entspricht meistens tatsächlich ziemlich genau der Abbildung. Man kommt, was man gesehen hat. Weitere Läden bieten sogar die Möglichkeit, draußen an einem Automaten zu zahlen (spart eine Kassiererin) und mit dem Bon dann ins Restaurant zu gehen und eine frisch zubereitete schnelle Mahlzeit zu erhalten.

Die Preisspann für ein Mittagessen ist übrigens seht unterschiedlich. Von 290 Yen bis 3.300 Yen ist alles dabei (2,50 - 27,00 Euro). Aber bereits bei kleinpreisigen Gerichten muss man schauen, ob man es schafft. Ich habe ein Reisgericht genommen, ein Donburi (Reis mit Topping wie Soße u/o Fleisch u/o Gemüse u/o Ei..), für 500 Yen. Grüner Tee ist immer gratis dabei, steht am Tisch und nimmt man sich einfach. Also fällt ein Getränk sowieso flach. Meistens gibt es gar keine Getränke zu kaufen. Dafür bekomme ich plötzlich eine große Schale mit Nudelsuppe und meine Reisschale mit Topping auf den Tisch gestellt und bin verwirrt. Die Suppe reicht ja schon zum Sattwerden. Also Suppe und Reis inklusive Getränk für knapp 4,50 €. Das nenne ich mal ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Trinkgelder gibt man übrigens nicht.

Vo einem Laden bleibe ich fasziniert stehen. "Baby Dolls" - ein Laden voller Glaskästen mit Babytieren drin (Hunde und Katzen). Einige spielen, manche schlafen gelangweilt, andere drehen am Rad und springen wie irre durch den Kasten. Die armen, am liebsten hätte ich sie alle "gerettet". Und niedlich.. aber die Preise sind zum Weglaufen. Ein kleiner Hund kostet zwischen 1.000 und 1.300 Euro, eine Katze bringt es hier auf stolze 1.800 Euro. Auch Futterkosten sollen recht hoch sein. Also ein Spaß ist das nicht. Kleine Hunde ala Paris Hilton sind momentan übrigens auch hier der letzte Schrei.

Schnell habe ich mich der Masse entzogen und bin zum Tokyo Metropolitan Government Building entflohen. Hier gibt es auf der 45. Etage (entspricht unserer 44.) eine Aussichtsplattform, von der aus man über einen guten Teil Tokios sehen kann. Beeindruckend - leider war der Fuji-Jama trotz sonnigen Wetters nicht zu sehen. Das ist wohl ein sehr seltener Anblick. Aber ich werde bestimmt nochmal die Plattform erklimmen. Naja, hochfahren. Hier kommen nämlich wieder die Aufzüge mit den "Fahrstuhl-Beauftragten" ins Spiel.

Unten am TMGB ist ein kleiner Park zu finden, in welchem ich die ersten richtigen Kirschblütenbäume zu sehen bekomme. Gleich ein paar Schnappschüsse gemacht. Der Park dient der Erholung, "mal abschalten", es ist erstaunlich ruhig. Aber es leben hier auch ein paar Obdachlose unter blauen Zeltplanen. Direkt vor dem Regierungsgebäude - dass da niemand was macht, solange es noch möglich ist.. stattdessen wird das Problem direkt vor der Nase ignoriert. Neben dem Park ein weiterer Schrein, der Kumano-Jinja.

Ein letzter Gang durch die Einkaufsmeilen von Shinjuku nach einem guten 8-Stündigen Gewaltmarsch bringt mich an meine Grenzen. Meine Hüfte schmerzt so sehr, dass ich Angst habe, es knirscht gleich, und meine Füße pulsieren. Schnell in die Bahn - wünsche ich mir, wird aber nichts draus. Die Metro zu finden ist immer ein Akt - bin eine gute Stunde dafür gelaufen, am Ende wars beinahe dort, wo ich zu Beginn der Suche stand. O_o
Jetzt habe ich einen Stadtplan. ^_^

Erschöpft falle ich ins Bett nach einem Telefonat mit meinem Flo.

Grüße an alle Daheimgebliebenen!

27.3.09 01:14

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Che / Website (27.3.09 09:07)
Das ja mal Krass garnicht so wie hier, ich meine, das Bahn Fahren!

... Ich finde du hast diesen eintrag total toll geschrieben, mann kann es sich richtieg vorstellen!

Schönen gruss aus HH!


Kaddy (1.4.09 14:43)
Wie geil XD Die Fahradabstellverboten Beaufsichtiger hätte ich gern mal gesehen XD XD XD ich lieg am Boden...
ich kenn da auch son japanisches Schild fürn nen Park, wo drauf ist, was man im Park alles machen darf und was nicht, daneben steht natürlich auch einer, der anscheinend auf das Schild aufpasst... halt mal die augen offen beim nächsten parkbesuch, vll siehst du ja so einen...
ich les dann mal weiter, und wünsch dir ganz viel spass :D
die kaddy

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